Eine Frage der Energie

Wenn es wirklich besser werden soll mit dem Verkehr bei uns – was muss dafür alles getan werden?

Windräder Nachricht (c) pixabay.com
Di 13. Feb 2018
Thomas Hohenschue
Die Fastenzeit beginnt – und mit ihr die Aktion Autofasten. Dazu ruft Jahr für Jahr der Aachener Diözesanrat der Katholiken auf. Er tut dies mit wachsendem medialen Echo und jeder Menge Leute, die mitmachen.
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 Die Leute, die das im Hintergrund vorbereiten, denken ganz differenziert über das Thema. Im Gespräch mit der KirchenZeitung wird ganz rasch klar, dass es nicht damit getan ist, einfach das Auto stehen zu lassen oder gar abzuschaffen. Es geht um viel mehr. Lutz Braunöhler ist Vorsitzender des Diözesanrats. Ihm gefällt, dass die Aktion Autofasten zunehmend Kinder erreicht. Alleine in Aachen stempeln in Kürze 2000 Grundschüler Karten ab, wie sie zur Schule gekommen sind. „Wenn Kinder im Unterricht darüber nachdenken und ihren Müttern klarmachen, dass es aus vielen Gründen gar nicht so toll ist, mit dem Mamataxi gebracht zu werden, ist viel erreicht“, sagt Braunöhler und benennt nur einen dieser Gründe: „Was können unsere Kinder alles entdecken, wenn sie ihren Schulweg zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren?“

In diesem Sinne lokal handeln, weil man global denkt, ist für den Vorsitzenden die wichtige Botschaft der Aktion. Und er denkt, dass auch bereits Kinder empfänglich sind für die Botschaft der Solidarität mit denjenigen, die bereits verstärkt Auswirkungen des Klimawandels erfahren. „Wir sind nicht allein auf dieser Welt und haben eine eigene Verantwortung für alle Menschen, die die Auswirkungen unseres extensiven Energieverbrauchs erdulden und erleiden müssen“, skizziert Braunöhler. Wenn man darüber redet, wie das konkret gehen kann, geraten viele Möglichkeiten in den Blick. Denn damit es besser wird mit dem wachsenden Verkehr und seinen schädlichen Folgen, sind sehr verschiedene Adressaten gefordert. Für den Rahmen ist die Politik zuständig: Sie verantwortet die Infrastruktur der Städte und Landkreise. Sie setzt finanzielle Anreize. Sie entscheidet über Vorgaben, Auflagen, Verbote. Lutz Braunöhler sieht uns Christen da in der Pflicht, auf Entscheider einzuwirken, und hofft auch auf Bischof Helmut Dieser und weitere Verantwortliche im Bistum, mit gutem Beispiel voranzugehen. „Sie müssen nach außen dokumentieren, dass uns die Bewahrung der Schöpfung als Christen besonders am Herzen liegt“, sagt der Vorsitzende.

Aber es hilft keinem Küstenbewohner in Bangladesh und keinem Kleinbauern in den Dürregebieten Afrikas, wenn sich Europäer und Deutsche bequem zurücklehnen und alle Verantwortung auf Politik und Repräsentanten abladen. Deren Tempo ist zu gering, die Klimaziele werden absehbar verfehlt. Und das liegt nicht alleine an einer oft reklamierten Mutlosigkeit der Politik gegenüber den Interessen der Industrie. Vielmehr sind wir alle als Verbraucher, die täglich Entscheidungen fällen, gefordert. Das ist der Fokus, den die Aktion Autofasten einnimmt.

 

Schwere, große Autos fressen Vorteil auf

Da sind zum Beispiel Kaufentscheidungen. Lars Schulze-Beusingsen von der Energie-Agentur NRW begleitet als Fachmann im „Netzwerk Kraftstoffe und Antriebe der Zukunft“ die Aktion. Er sieht, dass Zulassungszahlen und Fahrleistungen der privaten Autos weiter steigen. Und noch einen Trend stellt er fest und stellt ihn gleich in einen größeren Kontext. Immer mehr Menschen kaufen zurzeit große Limousinen, die aussehen, als wären sie geländegängig, es aber oft gar nicht sind. Was diese Autos aber in jedem Fall sind: schwer. Und damit schlucken sie allen Fortschritt weg, den die Ingenieure in der Motorentechnik erzielt haben. Sinkendem Treibstoffbedarf steht ein gewachsener Spritdurst durch das pure Gewicht der Karossen gegenüber. Über solche sinnfreien Entwicklungen schüttelt Günter Barten nur den Kopf. Seit vielen Jahren setzt er sich dafür ein, dass mit Pflanzenöl ein alternativer Treibstoff Einzug hält, der regional gewonnen und in seiner CO2-Bilanz neutral ist. Barten bewertet die aktuelle Diskussion um Elektromobilität zurückhaltend, um nicht zu sagen skeptisch. Für ihn ist das solange Augenwischerei, die dem Klima nicht hilft, solange der Strom aus der Steckdose maßgeblich aus klimaschädlichen Kohlekraftwerken stammt. Daher ist für ihn die Frage der Verkehrswende zuallererst eine Frage der Energiewende.

Nicole Gabor, Referentin des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Aachen, sieht das vermeintliche Allheilmittel Elektromobilität noch aus anderen Gründen skeptisch. Die Rohstoffe, die für die Batterien gebraucht werden, wären ähnlich dem Öl selten und würden häufig unter ausbeuterischen Bedingungen gewonnen. Und ein zweites: Auf die vielfältigen Probleme, die mit dem Individualverkehr verbunden sind, gebe es nur eine Antwort: weniger Verkehr. „Die Lösung ist der Verbraucher, weil er entscheiden kann“, sagt Gabor und beobachtet im Freundeskreis, dass ein Wandel einsetzt. Längst nicht jeder besitzt ein Auto, manche machen bereits keinen Führerschein mehr. Was im ländlichen Raum undenkbar scheint, ist in Städten auf dem Vormarsch. Und doch ist es noch ein weiter Weg bis zu einer Zukunft, in der Menschen auf kurzer Strecke ihre Dinge erledigen, digital vernetzt zwischen den Verkehrsmitteln wechseln, wieder mehr aus eigener Kraft unterwegs sind. Die Aktion Autofasten ruft auf, ein paar Schritte auf diesem Weg zu gehen.

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